Weinbauinfo Markgräflerland Nr. 22

Allgemeiner Entwicklungsstand

Jedes Jahr schreibt seine eigene Geschichte und der frühe Herbst 2022 wird wieder ein spannender Teil davon. Am Vorabend der generellen Hauptlese im Oberrheingebiet zeigt sich ein erfreulicher Verlauf der Reife und des Gesundheitszustandes. Botrytis ist bisher nur in leichten Ansätzen zu finden, Essigbefall meist nur in sporadischen Einzelbeeren. Dabei werden alle Extreme des Jahres abgebildet. Wo starke Trockenschäden vorliegen, konnten die Bestände nicht mehr von den Niederschlägen der letzten zwei Wochen profitieren. Auf der anderen Seite gibt es lokale Gebiete wie z.B. der mittlere Tuniberg, wo die Niederschläge mit 80 – 100 mm so hoch lagen, dass weitere kräftigere Regen unerwünscht sind. Ansonsten hatten die Niederschläge eine erfreuliche Auswirkung auf Menge und Reifeverlauf. Kompakte Sorten sind mockig geworden, selbst in gepflegten Anlagen wird das Geweicht oft unterschätzt. Trotz der Mengenzunahme sind bei sehr kompakten Trauben bisher kaum negative Erscheinungen durch Abdrücken zu beobachten. Und die Trauben sind enorm satt. Bei Probennahmen platzen die Beeren eher als diese sich lösen. Hier haben gelockerte Bestände einen grossen Vorteil auf die weitere Entwicklung, gut gelockert ist gut versichert. Die Lese hat schon etliche Tage begonnen: Saftlesen, Lese für Sektgrundweine, in der Reife vorauslaufende Selektionen oder frühe Klone, ebenso erste Hauptlesetage. In etlichen Betrieben, Gütern wie Genossenschaften, wird von Trockenheit gestresstes Lesegut gesondert gelesen und erfasst, teilweise sehr exakt. In der breiten Fläche ist dies nicht zu leisten, es gibt immer wieder Anlagenecken mit graduellen Schäden. Im Bodenseeraum liegt die Entwicklung bei guten Voraussetzungen bei Menge und Gesundheit rund eine Woche zurück, erste umfangreichere Vorlesen sind für nächste Woche geplant. Die Wetteraussichten sind für die kommenden Tage eher wechselhaft mit Niederschlägen, sofern diese moderat bleiben, kein Problem. Positiv ist der angesagte damit verbundene Temperaturrückgang. Damit wäre das Risiko einer Öchslerally wie in 2018 gebannt, die Aromen bleiben erhalten und die sicher einsetzende Entwicklung von Reifebotrytis langsamer. Der sehr gute Gesundheitszustand erleichtert die Lese, maschinell wie von Hand, und in Verbindung mit der verbreitet hohen Reife zeichnet sich eine zügige Lese ab. Und wie schon fast gewohnt: in grünen, aktiven Laubwänden.

Pflanzenschutz sichert die Gesundheit von Pflanze und Erntegut. Selbst wenn auf breiter Ebene ein anderer Eindruck vermittelt wird: die Natur liefert die Tatsachen. Der engere Bodenseeraum ist in 2022 das Jahr 2021 in Kleinformat. Die sehr hohen Niederschläge im Raum Konstanz vor zwei Wochen führten in um die Blüte behandelten PIWI – Anlagen zu blühender(!) Spätperonospora einzelner Sorten, so intensiv, dass die Entwicklung steht. Neue Fragen öffnen sich.

 

Zu den tierischen Schädlingen

Die Aussagen zur KEF und HEF beruhen auf den Ergebnissen von https://monitoring.vitimeteo.de und auf den Befunden des Labors der Tuniberger Winzer in Opfingen. Bisher haben sich die tierischen Schädlinge im Weinbau zurückgehalten. Wespen – oder Ameisenfrass ist nur in geringem Umfang vorhanden. Die KEF, die in den Spätkirschen so wütete, ist durch den sehr trockenen und heissen August mit so geringer Population gestartet, dass bisher kaum Befall auftrat. In den Bonituren trat nur Roter Muskateller leicht in Erscheinung, eine erste Eiablage auf Spätburgunder ist zu verzeichnen. Bonituren bei Rotem Gutedel brachten nur in der Nähe von Obst ersten leichten Befall, ansonsten ist, trotz Wohnraum freundlicher Gestaltung einzelner Anlagen, die Lage ruhig. Durch die insgesamt hohe Reife ist es vorteilhaft, kritische Ecken oder Sorten bevorzugt abzuernten. Sollte sich durch die nun vorliegende Feuchtigkeit mehr Population aufbauen, kann im Einzelfall Kontakt mit der Beratung aufgenommen werden. Anderst gestaltet sich die Lage am Bodensee durch die anhaltend höhere Feuchtigkeit. Regent ist nur bei Behandlung stabil, ebenso andere empfindliche Sorten. Durch den längeren Erntehorizont wird eine intensive Beobachtung empfohlen, um frühzeitig in Rücksprache mit der Beratung eventuelle Massnahmen umzusetzen.

 

Hinweise zum Bienenschutz: 

Nach der Bienenschutzverordnung vom 22. Juli 1992 (BGBl. I. S.1410) dürfen Pflanzenschutzmittel mit der Einstufung B1 (Bienengefährlich) weder an blühenden Pflanzen (bspw. blühender Unterwuchs oder in der Nachbarschaft befindliche Blütenpflanzen) noch an von Bienen beflogenen nicht blühenden Pflanzen angewandt werden. Daher sind vor einem Einsatz von B1-Mitteln die blühenden Pflanzen zu mulchen. Honigtau und beschädigte Beeren in den Weinbergen sind generell als Warnsignal zu werten. Die Ausbringung von B1-Mitteln sollte deshalb in diesen Fällen unterbleiben. Bei erforderlicher Behandlung steht das bewährte Kombinationsverfahren im Vordergrund, da hier keine Rückstände entstehen und das Verfahren als nicht Bienen gefährlich bewertet ist. 

Weiter bitten wir zu beachten, dass in den wenigen Fällen, wo Bienenstände näher als 60 Meter zu Anlagen stehen, die mit B1-Mittel behandelt werden sollen, Rücksprache mit dem Imker zu erfolgen hat: Bienengefährliche Pflanzenschutzmittel dürfen innerhalb eines Umkreises von 60 m um einen Bienenstand entweder während des täglichen Bienenfluges nur mit Zustimmung des Imkers oder außerhalb der täglichen Flugzeit eingesetzt werden. Sinnvoll ist es auch, die ortsansässigen Imker zu informieren.  

 

Zum Reifeverlauf

Die angegebenen Mostgewichte und weitere Werte basieren auf Messungen vom 06.09.2022 aus überwiegend mittleren und guten Lagen des Tuniberges und Glottertales und auf nicht Trockengestresstes Lesegut. Das entspricht den vorderen Lagen und südexponierten Steillagen am Vorgebirge im Markgräflerland. Die analytischen Werte ermittelte das Staatliche Weinbauinstitut Freiburg durch Grape Scan. Angaben vom Bodenseeraum stammen von ersten Messungen einzelner Betriebe. Insgesamt liegt der Bodenseeraum über alle Sorten rund eine Woche zurück, was normal ist, Selektionsanlagen sind aber oft in der Reife ebenso weit voran. Analog den Werten des Staatlichen Weinbauinstitutes Freiburg zeigen die eigenen Erhebungen einen reifen und frühen Jahrgang. Die Säurewerte liegen leicht höher wie 2018 oder 2020. Die pH – Werte liegen durchweg über pH 3,0, aber unter pH 3,4. Die Traubenkerne sind tiefbraun und die Mostfarben hoch gelb, abgesehen von Sauvignon blanc, der immer eine grüne Farbe hat. 

 

Müller – Thurgau und Regent:

Regent, sofern noch nicht gelesen, liegt hoch in den 80° bis Anfang 90° Oe bei sehr gutem Gesundheitszustand und bis jetzt nicht vorhandenem KEF - Befall. Müller – Thurgau liegt bei Ende 70° bis Mitte 80° Oe bei meist gutem bis sehr gutem Gesundheitszustand und hohen Erträgen, wie Saftlesen und erste reguläre Lesen zeigen. Dabei Säurewerte, die zwischen die 6ºº und 7ºº Säure stehen. Hier gibt es die ersten Anlagen, die sichtbare Botrytis haben, aber auch Anlagen mit noch uneinheitlichem Reifezustand. Im Bodenseeraum liegt der Müller – Thurgau bei Anfang bis Mitte 70° Oe. 

 

 

Burgundergruppe:

Gepflegte und gut geführte Anlagen haben die 90° Oe überschritten, aus ersten Lesen wird die Spanne von Ende 80° Oe bis Mitte 90° Oe angegeben, noch nicht gelesene Selektionsanlagen oder Anlagen mit geringen Erträgen nähern sich der 100° Oe Marke und zeigen Hochreife. Die Säurewerte liegen durchweg unter 10ºº Säure, sehr reife Bestände schon bei unter 7ºº. Im Bodenseeraum sind Anfang 80° Oe erreicht, in einzelnen bevorzugten Lagen werden gegen 90° Oe gemessen, Selektionsanlagen auch schon darüber. Grauburgunder hat das durchschnittlich höchste und einheitlichste Reifeniveau und wird bevorzugt auch schon gelesen. Von den Ende August grossen Reifeunterschieden ist bei Spätburgunder nicht mehr viel zu sehen und auch analytisch nicht zu finden. Gepflegte Anlagen stehen sehr schön mit vielversprechender Ausfärbung. Ohne Ausdünnung sind je nach Klon die Mengen beträchtlich. Hier wird der Unterschied deutlich bei den Mostfarben. Spätere Lagen, besonders wenn die Erträge noch vorliegen, erreichen keine Mitte 80° Oe mit unbefriedigendem Mostfarbenbild. Im Weissburgunder zeigen erste Anlagen beginnende Botrytis auf geringem Niveau. Je nach Feuchtigkeitsverlauf muss dieser im Auge behalten werden. 

 

Sonstige Sorten:

Die weiteren Sorten wie Muskateller oder Gewürztraminer zeigen einen sehr guten gesundheitlichen Zustand. Gut ist die Aromenausbildung. Die Mostgewichte liegen gegen Mitte 80º Oe bei Muskateller mit bis zu Mitte 90º Oe bei Gewürztraminer. Sauvignon blanc in guten Lagen ist hoch reif bei um die Mitte 90º Oe und zeigt beginnende Reifebotrytis. Ausschlaggebend sind die wesentlich niedriger liegenden Erträge dieser Sorte. Riesling ist in früher wie späterer Lage erstaunlich reif. Die Mostgewichte liegen schon bis über Mitte 80º Oe, leichte erste Botrytis ist zu sehen. Die Säurewerte liegen bei unter 10ºº Säure, in späterer Lage leicht darüber. Die Voraussetzungen für eine weitere sehr gute Entwicklung, sofern gewollt, liegen auch hier vor.

 

Weinbauliche Hinweise

Durch die frühen Lesen kommt eine klassische Einsaat zu neuen Ehren. Bei guten Wetterbedingungen kann nach der Lese im Oktober eine Roggen – Wickeneinsaat durchgeführt werden. Auch andere Einsaaten auf Kleebasis sind möglich. Ebenso kann nach der Lese bei mechanischer Unterstockpflege mit Scheibe / Rollhacke der Unterstockbereich bearbeitet werden, damit ein angepasst sauberer Streifen über den Winter vorliegt und im Frühjahr gute Startbedingungen herrschen. 

 

Sonstige Hinweise

Seit dem Jahr 2021 müssen in Stichproben beantragte Anlagen bei der Umstrukturierung und Umstellung von Rebflächen kontrolliert werden. Sehr gerne werden Anlagen mit den noch vorhandenen Saisonarbeitskräften gerodet. Für die Kontrolle sollten die Stöcke und Ruten mit Laub noch vorhanden sein, alles andere kann abgeräumt werden. Die ideologischen Diskussionen um die weitere Ausgestaltung der Landwirtschaft nehmen kein Ende, in diesem Fall von europäischer Ebene. Und Verluste an Existenzen durch Mangel an Empathie scheint keine Rolle zu spielen, dies wäre die Folge von vollständigem Pflanzenschutzverbot in Schutzgebieten. Dazu ist ein Rundschreiben des Badischen Weinbauverbandes mit Anhängen beigelegt. Unterstützen Sie die Aktion, beziehen Sie Stellung. Eine Umsetzung wäre das Ende vieler unserer Weinbaukulturlandschaften.

 

Dies war das letzte Weinbauinfo, ausser es gibt wirklich besondere Umstände. Nach der Lese erfolgt ein Info zu Fragen der Winterarbeit. Allen eine schöne Lese und eine glückliche Hand für die notwendigen Entscheidungen. Dieses Info erscheint nicht auf dem Anrufbeantworter. Bitte informieren Sie ihre Kollegen.

 

 

Informationen  zum Datenschutz und zum Einsatz von Cookies auf dieser  Seite finden Sie in unserer Datenschutzerklärung