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Weinbauinfo Tuniberg Nr. 19

Allgemeine Situation:

Auch im Reifeendspurt scheint das Jahr 2023 bezüglich der Witterung eine besonders schwierige Herausforderung zu sein. Bescherte uns die vorletzte Woche (18. – 24. August) eine extreme Hitze mit Maximumwerten bis 36-38°C, so brachte uns das Mittelmeertief ab 24. August heftigste Unwetter mit Hagel, Stark-/Dauerregen und Sturm. Die Auswirkungen dieser Wettersituation sind in vielen Gemarkungen schlimm.         

 

 1. Durch die extreme Hitze gab es in vielen Anlagen noch einmal „Hitzeschäden“ an den Beeren. Dabei sind die Beeren nicht „eingeschrumpelt“, wie beim normalen Sonnenbrand, sondern das Beerenfleisch ist mehr oder weniger verkocht. Wenn man diese Beeren isst, stellt man praktisch einen „Kochgeschmack“ fest. Die Beerenfrucht ist weg. 

2. Der Hagel vom 24. August hat auf verschiedenen Gemarkungen (Weil, Hügelheim bis Staufen, Ebringen, Gottenheim) erneut Schäden verursacht. Dabei ist die Zahl der Beeren mit direkten Verletzungen aber sehr, sehr unterschiedlich. Da aber die Beeren bereits Zucker enthalten sind die Auswirkungen besonders schlimm, da die wilden Hefen bereits mit der Gärung und Essigbildung begonnen haben. Auch der Botrytispilz hat sich auf den Wunden schon „breit“ gemacht. Auf den Wunden sieht man derzeit auch schon Eiablage und Maden durch HEF (heimische Essigfliege) und KEF. Das bedeutet, Botrytis- und insbesondere Essigfäulnis sind vorprogrammiert.     

 3. Der sechstägige Dauerregen brachte am Bodensee zwischen 120mm (Meersburg) und 170mm (Immenstaad) Niederschlag. Als Folge davon sieht man jetzt aufgeplatzte Beeren. Insbesondere die reifen Beeren sind betroffen, da hier der osmotische Druckunterschied am größten ist.  Auch hier ist, ähnlich wie bei den frischen Hagelwunden, Botrytis- und insbesondere Essigfäulnis vorprogrammiert. 

Maßnahmen:

Trotz der starken Schäden gilt es Ruhe zu bewahren. Wir hatten in den vergangenen Jahren zum ähnlichen Reifestadium bereits Hagelschäden und die Lese doch noch einigermaßen gemeistert. Die allerbeste Maßnahme wäre trocken warmes Wetter und kühle Nächte. Die Wetterdienste melden, zumindest für die kommenden 10 Tage, weitgehend trocken und sehr warm bei Nachttemperaturen um 15°C. Klar ist, dass diejenigen Beeren, welche jetzt bereits mikrobiologisch geschädigt sind nicht mehr soweit eintrocknen, wie wir uns dies wünschen würden. Es wird in den Hagelgebieten und am Bodensee eine schwierige Lese.   

Derzeit kommen viele Fragen bezüglich des Einsatzes mit bicarbonathaltigen Mitteln, bzw. Fruchtkalk.   Erfahrungen haben aber gezeigt, dass eine Behandlung mit Kaliumbicarbonat, Fruchtkalk, Gesteinsmehlen etc. bei bereits geschädigten Beeren (egal ob durch Hagel oder Aufplatzen) keinen Sinn macht. Der nachgesagte eintrocknende Effekt kann bei offenen, saftigen, zuckerhaltigen Beeren nicht mehr ausreichend wirken. Der hohe pH-Wert von Kaliumbicarbonat und Fruchtkalk hat zwar eine biozide Wirkung. Diese wirkt aber nur dort, wo das Mittel hinkommt und dann nur für eine recht kurze Zeit.

 

Essigfliegen: Wie beschrieben sind offene Wunden an zuckerhaltigen Beeren hochattraktiv für die Essigfliegen, heimische Fruchtfliegen und KEF. Deshalb sehe ich es, wo offene Wunden an Beeren vorhanden sind, in den aktuellen Hagelgebieten und am Bodensee (aufgeplatzte Beeren) für die dunkelhäutigen Rebsorten fachlich als notwendig an, noch vor dem Wochenende eine Behandlung gegen die Essigfliegen durchzuführen. Da die verletzten Beeren auch von Bienen angeflogen werden, darf nur ein bienenungefährliches Mittel (B 4) eingesetzt werden. Empfohlen wird primär die Kombinationsmethode mit Combi protec 1l/ha + 25 g/ha Mospilan (B 4; Wartezeit 14 Tage) in 20l/ha Wasser. Das Mittel sollte mit der bekannten Technik in die obere Traubenzone und direkt darüber liegende Laubwand appliziert werden. Beachten Sie unbedingt die Wartezeit von 14 Tagen. Das bedeutet, dass es bei den frühen Sorten eng wird. Stimmen Sie sich unbedingt auch mit Ihrem Vermarkter ab.

Hinweise zum Bienenschutz: 

Nach der Bienenschutzverordnung vom 22. Juli 1992 (BGBl. I. S.1410) dürfen Pflanzenschutzmittel mit der Einstufung B1 (Bienengefährlich) weder an blühenden Pflanzen (bspw. blühender Unterwuchs oder in der Nachbarschaft befindliche Blütenpflanzen) noch an von Bienen beflogenen nicht blühenden Pflanzen angewandt werden. Daher sind vor einem Einsatz von B1-Mitteln die blühenden Pflanzen zu mulchen. Honigtau und beschädigte Beeren in den Weinbergen sind generell als Warnsignal zu werten. Selbst wenn momentan kein Bienenflug beobachtet werden kann, besteht die Gefahr, dass dies in Kürze stattfinden kann. Die Ausbringung von B1-Mitteln sollte deshalb in diesen Fällen unterbleiben. 

Weiter bitten wir zu beachten, dass in den wenigen Fällen, wo Bienenstände näher als 60 Meter zu Anlagen stehen, die mit B1-Mittel behandelt werden sollen, Rücksprache mit dem Imker zu erfolgen hat: bienengefährliche Pflanzenschutzmittel dürfen innerhalb eines Umkreises von 60 m um einen Bienenstand entweder während des täglichen Bienenfluges nur mit Zustimmung des Imkers oder außerhalb der täglichen Flugzeit eingesetzt werden

Bei den weißhäutigen Rebsorten sehe ich keine Behandlungsnotwendigkeit. 

Beim Eimonitoring des WBI ( siehe https://monitoring.vitimeteo.de)  wurde aktuell nur eine geringe Eiablage bei Acolon, Dunkelfelder und Regent und bisher bei Spätburgunder noch keine Eiablage festgestellt. Auch die aktuelle Tuniberg-Eibonitur zeigt für die Proben vom Tuniberg und vom Bodensee keinerlei Eiablage. Deshalb sehe ich für Gebiete/Anlagen ohne oder nur mit geringen Beerenverletzungen keine Notwendigkeit für eine KEF-Bekämpfung. Bedenken Sie, diese Eibonituren sind nur Stichproben in sehr geringem Umfang. Für Ihre Anlagen müssen Sie selbst den Überblick schaffen. Behalten Sie deshalb Ihre bekannt gefährdeten Lagen/Randlagen unter Beobachtung. Bei eventuell festgestelltem Flug kann auch hier eine Behandlung notwendig werden.

Nach wie vor sinnvoll ist es die bekannten vorbeugenden Maßnahmen, insbesondere das „Freistellen“ der Traubenzone durchzuführen.   

 

Reifesituation:

Die Hitzetage haben die Reifentwicklung, auf Grund langsamerer Assimilation, abgebremst und die ergiebigen Regenfälle haben das Beerenvolumen noch einmal ansteigen lassen. Die Erträge sind durchweg noch einmal angestiegen. Dementsprechend kam die Traubenreife in den vergangenen zwei Wochen langsamer voran. In den Hagelgebieten vom 24. Juli ist die Reife zusätzlich noch durch die „angedellten“, stehen gebliebenen Beeren und die strapazierte Laubwand beeinträchtigt.  

Exakte Mostgewichtsmessungen sind in diesem Jahr, besonders in den Hagelgebieten, nicht einfach. 

Erste wenige Mostgewichtsmessungen aus dem Markgräflerland vom 30. August zeigen folgende Werte:

 

Müller – Thurgau    
mittlere Lage bei hohem Ertrag, leichter Hagel = 60°Oe

mittlere Lage, normaler Ertrag, kein Hagel = 67°Oe
Gutedel
mittlere Lage bei hohem Ertrag, leichter Hagel = 50 °Oe

mittlere Lage bei normalem Ertrag, leichter Hagel = 58°Oe
Spätburgunder
mittlere Lage bei normalem Ertrag, mittlerer Hagel = 66°Oe

mittlere Lage; Selektionsanlage, leichter Hagel = 72°Oe

gute Lage, normaler Ertrag; kein Hagel = 74°Oe
Weißburgunder
um Mitte 70°Oe
Ruländer
um Mitte 70°Oe
Sauvignon Blanc
mittlere Lage bei normalem Ertrag, leichter Hagel = 68 °Oe
  

Die Reifemessungen des Weinbauinstitutes vom 28. August zeigen nur einen leichten Anstieg der Mostgewichte, aber eine sehr starke Reduzierung der Säurewerte gegenüber der Vorwoche.

 

Durch die vorhergesagte günstige Witterung dürfte die Reife in den nicht durch Hagel geschädigten Anlagen mit normaler Geschwindigkeit vorankommen. Die hagelgeschädigten Anlagen werden sicherlich, je nach Schädigungsgrad der Laubwand und Trauben, deutlich langsamer vorankommen. Durch den sehr ungleichen Reifezustand und die unterschiedliche Fäulnisentwicklung wird die Leseterminierung und auch die Lese selber in diesem Jahr nicht einfach werden.      

 

Nächster Aufruf am Freitag, dem 08.September.

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